Vereinschronik
MUSIKVEREIN 1928 LESSENICH
…von Anfang an
kleine Vereinschronik anläßlich des 75jährigen Bestehens
(ergänzt im April 2011)
Der Inhalt der folgenden Seiten ist größtenteils der Vereinschronik entnommen, die inzwischen in 6 Bänden vorliegt: 1947-61, 1962-76, 1977-86, 1987-89, 1992-2007, 2008-heute. Die Chronisten waren: Jean Blauen, Alfred Wiesen, Everhard Pohl, Heinz Keul, Rudi Lorre und Klaus Wolfgarten. Meist wurde sehr gewissenhaft jedes den Verein betreffende Ereignis aufgeschrieben – es gibt aber leider auch einige Lücken (1949-52, 1962-64, 1989-1992), die durch das Ausscheiden des jeweiligen Chronisten zu erklären sind. Die größte Lücke besteht jedoch in den ersten 19 Jahren, in denen anscheinend niemand etwas aufgeschrieben hat – und es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die man befragen könnte. Aus Anlaß des 50jährigen Bestehens verfaßte Everhard Pohl eine Zusammenfassung der Vereinsgeschichte – teilweise aus dem Gedächtnis (er war seit 1935 im Musikverein aktiv). So gibt es zumindest ein paar Informationen aus der Vorkriegszeit.
Die Anfänge
Alles begann eigentlich schon einige Jahre vor 1928, als nämlich der Dorflehrer Otto Lehmacher (*1897 / + 1956) einige junge Leute um sich scharte, die seine Begeisterung für die Musik teilten. Mit ihnen gründete er zunächst eine „Zupfgeigenkapelle“ – damals ein gebräuchlicher Ausdruck für Dorfmusikanten, die mit Klavier, Geige, Mandoline, Gitarre und Laute vor allem die Volkslieder aus dem „Spielmann“ einstudierten und zu Gehör brachten. Dies war schon bald eine Bereicherung für jedes Fest in Lessenich.

Zupfgeigenkapelle 1926
vorne v.l.n.r.: Karl Wiesen, Josef Nolden, Hubert Esser, Lehrer Otto Lehmacher, Herrmann van Laak, Hubert Simmler, Heinrich Kastert, Josef van Laak
dahinter: Zupfgeigenkapelle aus Rauschendorf (Lehmachers Heimatort)
In einer Zeit, da noch keinerlei elektronische Medien die Menschen unterhielten (und ablenkten), wanderte man zudem oft an sonnigen Sonntagnachmittagen in die freie Natur, um dort gemeinsam zu musizieren und dabei die Spaziergänger zu erfreuen.
Nach einiger Zeit begannen die jungen Männer um Lehmacher, sich auch für die Blasmusik zu interessieren – so folgten sie einem Trend der damaligen Zeit: viele Blaskapellen entstanden in den zwanziger Jahren. Zwar dauerte es noch eine Weile, ehe man mit dem Proben beginnen konnte, denn die Instrumente waren teuer – doch neben dem Erlös einer Martinsverlosung als Grundstock gab es Unterstützung von vielen Seiten, sodaß man im Frühjahr 1928 in der Lage war, 14 Instrumente zu kaufen. Nun waren die jungen Leute, zu denen inzwischen weitere Jugendliche aus Lessenich und Rißdorf gestoßen waren, mit großem Eifer und viel Fleiß bei der Sache. So konnte man schon nach einem halben Jahr bei der Kirmes 1928 als „Musikverein Lessenich“ bei der Gefallenenehrung mitwirken.
Die Namen der Gründer sollen an dieser Stelle hervorgehoben werden. Es waren: Karl Wiesen (th), Josef Nolden (Es-Baß), Hubert Esser (pos), Hubert Simmler (tr), Josef van Laak (th), Hermann van Laak (kl), Franz Vlatten (tr), Werner Kolvenbach (tr), Bertram Kastert (kl), Peter Gülden (Es-Horn), Heinrich Nolden (Es-Horn), Johann Ley (dr) und Otto Lehmacher als Dirigent. Die ersten sechs Genannten hatten schon in der Zupfgeigenkapelle mitgewirkt. Schon bald darauf traten weitere Interessierte dem Verein bei wie etwa Engelbert Arenz, Josef Ley, Alois Esser, Josef Maus, Josef Wolfgarten.
kurz nach der Gründung – stehend v.l.n.r.: Josef Maus, Hubert Esser, Peter Gülden, Karl Wiesen, Heinrich Nolden, Josef Nolden, Josef Wolfgarten, Otto Lehmacher (Dirigent)
sitzend: Hubert Simmler, Werner Kolvenbach, Franz Vlatten, Bertram Kastert
Während der NS-Zeit gab es Einschränkungen in der Tätigkeit der Musikkapellen – sie mußten z. B. bei den Kundgebungen zum 1. Mai und beim Erntedankfest mitwirken, sonst drohte die Auflösung. Ein weiteres Problem war die schlechte Wirtschaftslage in der Region – ein Teil der Aktiven wanderte daraufhin in die Industriegebiete ab. Dafür kamen bis 1937 neue Kräfte hinzu: Heinrich Kastert (hatte auch schon zur Zupfgeigenkapelle gehört), Everhard Pohl, Heinz Schirmer, Lorenz Nolden, Willi Emonds, Jean und Willi Blauen.
Bis 1937 leitete Otto Lehmacher die Geschicke sowohl der Schule als auch des Musikvereins. Bei allen weltlichen und kirchlichen Feiern in Lessenich und Rißdorf waren die Musikanten mit ihrem stetig wachsenden Repertoire zur Stelle.

1929 am Katzenstein – bei genauerem Hinsehen erkennt man links in der Mitte eine Frau mit Mandoline und weiter rechts, hinter der „decken Tromm“ noch einige Blasinstrumente
Oft wurde auch ohne besonderen Anlaß sonntags auf dem Schulhof musiziert oder man wanderte mit Kind und Kegel und Instrumenten zum Kriegerdenkmal und weiter zum Katzenstein.

beim 45jährigen Junggesellenfest 1931
stehend v.l.n.r.: Alois Esser, Heinrich Nolden, Josef Wolfgarten, Bertram Kastert, Hubert Esser, Karl Wiesen, Josef Nolden
sitzend: Peter Gülden, Hubert Simmler, Andreas Esser, ? (Knecht auf einem Hof in Lessenich?), Franz Vlatten
Als Lehmacher 1937 versetzt wurde, übernahm Hans Weber, ein Musiklehrer aus Euskirchen, das Dirigentenamt. Weber, späteren Schülern der Realschule in Euskirchen wohlbekannt u. a. als Leiter des Realschulorchesters, führte den Verein bis zum Ausbruch des Krieges. Im 2. Weltkrieg ruhten jegliche Aktivitäten des Vereins, fast alle Mitglieder mußten an die Front. Waren auch Instrumente und Noten beim Vereinswirt Jean Blauen sicher eingelagert und später vor dem Zugriff der amerikanischen Besatzungsmacht geschützt – den Männern im Krieg fehlte der Schutz: neun Plätze blieben leer, als der Wiederaufbau der Bläsergruppe nach dem Krieg begann. Gefallen waren: Hubert Kastert, Bertram Kastert, Engelbert Arenz, Hubert Simmler, Peter Gülden, Werner Kolvenbach, Josef Maus, Michael Maus und Willi Emonds. Insgesamt verlor die Gemeinde Lessenich-Rißdorf 36 Männer und eine Frau durch den Krieg.
Neuanfang nach dem Krieg
Es war der Junglehrer Heinz Schirmer, der schon im Frühjahr 1946 die Musikanten wieder um sich scharte und auch nach und nach musikalischen Ersatz für die gefallenen Kameraden fand – derweil mußten auswärtige Kräfte zur Hilfe gerufen werden für die wenigen Auftritte, meist Prozessionen. Nach der Versetzung Schirmers übernahm Lehrer Johannes Ophoves die Leitung. Mit seiner Unterstützung beantragte der erste gewählte Vorstand 1947 die Neugründung des Musikvereins unter dem Namen „Musikverein 1928 Lessenich“ bei der Militärbehörde. Sie wurde unter Auflagen genehmigt: Abzeichen, Uniformen, Fahnen u. ä. waren vorerst verboten.
Es sei noch erwähnt, daß es nach dem Krieg auch wieder einen Mandolinenklub in Lessenich gab, der unter der Leitung des Berufsmusikers Erich Gatzke musizierte.
Die erste öffentliche Veranstaltung nach dem Krieg fand am 2. Weihnachtstag 1946 im Saal Blauen statt. Unter der Regie des Lehrers Ophoves agierten der Kirchenchor, der Musikverein und der Mandolinenklub sowie die Schulkinder.
Im Jahr 1948 ging der Dirigentenstab an Willi Blauen (allgemein bekannt als ‚Blauens Bub‘) über, der kurz zuvor erst aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war und dieses Amt bis 1960 innehatte, dabei gleichzeitig aber die 1.Posaune spielte.
Blauen und E. Pohl bemühten sich in der Folgezeit, die aktive Gruppe zu erweitern und fanden willige Schüler in Johann Geusen, Johann Kastert, Hans-Willi Zinken, Hans-Josef Esser, Lorenz Vlatten, Karl-Josef Vlatten und Michael Böhmer. Noch 10 weitere Interessenten hätten dazustoßen können, wenn es nicht einen akuten Mangel an Blasinstrumenten gegeben hätte – teilweise mußten sich zwei Spieler ein Instrument teilen! Doch nicht nur Mitspieler wurden geworben, man sprach auch ehemals Aktive sowie Freunde an, um sie als inaktive Mitglieder zu gewinnen und so eine breitere Basis zu schaffen für alle kulturellen Aktivitäten. In späteren Jahren hätte der Verein ohne die tatkräftige Mitwirkung der Inaktiven niemals fortbestehen können.
25 jähriges Jubiläum
1953 hatte der Verein 13 aktive und 11 inaktive Mitglieder. Über eine schwere Zeit hinweg hatte er sich behauptet und bewährt. Der Lohn dafür war ein rauschendes Fest zum 25jährigen Jubiläum. Beim Festzug säumte eine in Lessenich nie gesehene Menschenmenge den Straßenrand. Für das Konzert im Saal Blauen gab es nicht genügend Plätze, sodaß ein Teil der Gäste draußen im Hof bleiben mußte, wo dann noch Tische und Bänke aufgestellt und die Fenster des Saals zum Hof hin geöffnet wurden. Auch die finanzielle Bilanz war positiv – die Organisatoren Everhard Pohl, Alfred Wiesen, Willi Blauen und Michael Sistig konnten zufrieden sein.

Festzug 1953
1. Reihe v.l.n.r.: Willi Blauen, Everhard Pohl, Karl Riesenkönig (Euskirchen),
2. Reihe: Michael Böhmer, Heinrich Kastert
3. Reihe: Klarinettist aus Euskirchen, Jean Blauen, Johann Geusen
4. Reihe: Michael Sistig, Hans Esser
Die Zeit der Waldfeste
Die gute Resonanz des Festes mag die Verantwortlichen im Vorstand bewogen haben, im darauffolgenden Jahr gleich zwei Dinge neu in Angriff zu nehmen:
Als erste „Neuerung“ wurde die Tradition des Theaterspielens wieder aufgenommen, die schon unter Otto Lehmacher sehr beliebt war. Hierbei wirkten vor allem Vereinsmitglieder, aber auch deren Angehörige und andere mit. Zunächst war Jean Blauen für die Einstudierung zuständig, in späteren Jahren führten Karl Schäfer und Heinz Keul die Regie. Die erste Aufführung fand in der Fastenzeit 1954 statt.
Die zweite Premiere war die des Waldfestes. Die Idee war eigentlich schon 1952 geboren und in kleinerem Rahmen durchgeführt worden. Nun wurde sie in der Vorstandssitzung am 1.5.1954 erneut angesprochen und schon knapp 6 Wochen später, am 13.6.1954, in die Tat umgesetzt. Der Waldplatz zwischen Wachendorf und Lessenich war mit Tanzboden und Getränkestand ausgerüstet worden, die „Kinderbelustigung“ wurde von Freiwilligen aus der Lessenicher Jugend organisiert. Musikalische Unterstützung fand man im Musikverein Floisdorf und dem Gesangsverein aus Rheidt-Hüchelhoven. Trotz geringer Mitgliederzahl ließen es sich die Musiker nicht nehmen, beim eigenen Fest selber zu musizieren. Die Resonanz: es kamen immerhin etwa 300 Erwachsene und 200 Kinder.
Damit war ein Volksfest geboren, das den Musikverein Lessenich in der Folgezeit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt machte. Über 2000 Besucher erlebten beispielsweise das Waldfest 1963. Drei Jahre später fand sogar ein „Kreiswaldfest“ aus Anlaß des 150jährigen Bestehens des Kreises Euskirchen in Lessenich statt! Und 1968, beim 40jährigen Jubiläum, zählte man abends 950 Personen im Zelt.
In der so erfolgreichen Phase gab es wieder einen Dirigentenwechsel: auf Willi Blauen folgte nach der Kirmes 1960 der schon erwähnte Erich Gatzke, von Hause aus Violinist, aber flexibel genug, sich auch in die Blasmusik einzuarbeiten.

Waldfest 1961 – Trompetengruppe beim Vortrag unter der umsichtigen Stabführung unseres Dirigenten Erich Gatzke – v.l.n.r.: Erich Gatzke (stehend), Dieter Kratz, Lorenz Nolden, Johann Kastert
Der Standort des Waldfestes hat einige Male gewechselt, das Konzept jedoch blieb gleich: ein Fest im Wald unter freiem Himmel mit viel Blasmusik, einer Verlosung und v. a. zahlreichen Angeboten für die Kinder, denn für sie war dieses Fest ursprünglich ins Leben gerufen worden. Die Sache hatte nur eine Schwachstelle: das Wetter – leider war dieser Faktor auch damals, in der „guten alten Zeit“, schon nicht sehr verläßlich. Wie oft flüchteten Besucher und Veranstalter gleichermaßen vom Waldplatz zum Saal Blauen bzw. später zum Festzelt, in dem auch die Abendveranstaltungen stattfanden! Einmal wurde sogar ein neuer Termin anberaumt für die Kinder-Angebote – und es regnete wieder! Die Helfer waren nachher so gut eingespielt, daß sie innerhalb von 2 Stunden alle Spielstände vom Wald in den Saal schaffen und dort wieder aufbauen konnten.
Die Vereinsmitglieder arbeiteten mit allen Kräften an Verbesserungen. So entstanden nach und nach selbstgebaute Spielgeräte (Kettenkarussell und Schiffsschaukel, 1965), ein neuer Waldplatz wurde angelegt (1969), ein alter Lloyd umgebaut zur „Kleinbahn“ mit Anhänger für Rundfahrten (1970), und es wurden 165 Sitzbänke hergestellt (1967-69). Letzteres war besonders arbeitsintensiv – alle mußten mit anpacken, denn erst einmal waren die Bäume dafür zu fällen, zu schälen, zu sägen und zu verladen, um sie durch ‚Büb‘ Eschweiler ins Sägewerk zu befördern. Für die Weiterverarbeitung stellte Schreinermeister (und Es-Hornist) Heinrich Kastert seine Werkstatt zur Verfügung, in der samstags gehobelt, gesägt und geschraubt wurde. Viele Hände haben am Gelingen der Feste mitgewirkt und so die Grundlage des Erfolgs geschaffen.
Nach längerer Vorarbeit der Vorstände wurde die Verschwisterung zwischen den Gemeinden Lessenich/Meßdorf (bei Bonn) und Lessenich/Rißdorf beim Waldfest 1969 besiegelt. Eine Abordnung von dort mit Tambourcorps und Fähndelschwenkern besuchte von da an die Waldfeste, während der Musikverein jeweils zur Kirmes in Lessenich/Meßdorf aufspielte und am Karnevalszug teilnahm. Diese Partnerschaft hielt bis zum Karnevalszug 1982 – dann schlief der Kontakt ein. Wahrscheinlich war dies eine Folge der Tatsache, daß die Kontaktpersonen dort aus dem Vorstand des Junggesellen-Vereins kamen und irgendwann ausschieden, was ja in der Natur der Sache liegt.
1978, im 50. Jahr nach der Vereinsgründung, war es das 25. Waldfest, das diese erfolgreiche Ära in der Vereinsgeschichte abschloß.
50 jähriges Jubiläum
Im Jubiläumsjahr 1978 zählte der Musikverein 35 Aktive und etwa 40 inaktive Mitglieder. Zu den letzteren gehörten auch noch 4 Gründer des Musikvereins: Karl Wiesen, Franz Vlatten, Heinrich Nolden und Josef Nolden, den es allerdings schon 1930 nach Lübeck zog.
Bei dem großen Fest zum Jubiläum nahmen die Ehrungen gar kein Ende mehr. Der Himmel hatte ein Einsehen und ließ die bedrohlich erscheinende Wetterlage nicht Wirklichkeit werden, sodaß das Fest gut über die Bühne gebracht werden konnte.
Zur Feier des Jubiläums erhielten die Musiker mit den Jacken und Kappen in rostroter Farbe die dritte Uniform nach den grünen mit Schiffchen (von 1962) und den grauen Trachtenjankern mit Hut (von 1970).

vor dem 50jährigen Jubiläum 1978 in neuer Uniform
v.l.n.r: hintere Reihe: Klaus Wolfgarten, Hubertus Geusen, Dietmar Butzke, Everhard Pohl, Wilfried van Bonn, Paul Okon, Thomas Geusen, Wilfried Gülden, Angelika Bramer, Bernd Pohl, Hansel Prinz
mittlere Reihe: Heinz-Johann Nöthen, Johann Kastert (verdeckt), Johann Geusen, Hans-Josef Esser, Elke Kastenholz, Georg Wolfgarten (verdeckt), Franz Geusen, Georg Hompesch, Hans Pohl
vordere Reihe: Hans-Willi Zinken, Erich Gatzke, Rudi Lorre, Cornelia Okon, Andrea Lingscheid, davor Georg Butzke, Bärbel Esser, Friedbert Wiedenau, davor Herbert Leßenich, Hans-Willi Geusen, Peter Geusen, Hans-Willi Wiedenau, Friedel Bleier
Neue Ideen – was kommt nach dem Waldfest?
Erste Anzeichen für den Niedergang des Waldfestes gab es schon 1974: zum ersten Mal fuhr ein Fest Verluste ein, zwar „nur“ ein Minus von 26,- DM in der Kasse, aber man hatte immerhin mit etwa 2700,- DM Gewinn gerechnet. Die Misere lag nicht nur im wieder einmal schlechten Wetter begründet, auch die Lessenicher Bevölkerung beteiligte sich in zu geringem Maße. Sogar das Jubiläumsfest zum 50jährigen Bestehen des Vereins drohte zum Reinfall zu werden, aber nach Ende des WM-Spiels Deutschland–Tunesien füllte sich das Zelt doch noch.
Nicht nur das nachlassende Interesse, auch der hohe Arbeitsaufwand bewog die Verantwortlichen nach dem Jubelfest 1978 zu der Frage: was nun?
1979 und 1980 wurde ein Erntedankfest gefeiert – zuerst wieder mit Zelt, nachher nur noch im Saal Kolei. Es war zwar ein schönes Fest, wozu v. a. der Festzug mit den vielen geschmückten Wagen beitrug, doch es brachte für die Vereinskasse nur Verluste ein.
1981 startete man mit einem „Tag der Blasmusik“ auf dem Schulhof einen neuen Versuch, der sehr gut ankam und auch finanziell erfolgreich war. Vielen Leuten gefiel der überschaubare Platz mit den fest installierten Örtlichkeiten besser als der Waldplatz. Der Vorteil lag auch in den geringen Unkosten und Risiken, da weder Zelt noch Tanzband zu bezahlen waren. Für die nächsten Jahre wurde dieses Konzept beibehalten – abhängig vom Wetter war man aber immer noch. Im übrigen wurden weiterhin Gastvereine eingeladen, am Nachmittag zu musizieren.
In der musikalischen Leitung war inzwischen wieder eine Ära zu Ende gegangen: am 3.5.1981 fand der letzte öffentliche Auftritt mit Erich Gatzke als Dirigent statt. Er übergab sein Amt nach über zwanzig Jahren an Hans Pohl, bis dahin 1. Posaunist. Leider setzten Unstimmigkeiten in der Bläsergruppe seinem Engagement ein rasches Ende, sodaß noch im selben Jahr Georg Hompesch (gerade 18 Jahre alt!) die Leitung des Musikvereins, der inzwischen auf 25 Aktive geschrumpft war, übernahm. Er machte seine Sache gut, war aber auch als Flügelhornist gefragt, deshalb wurde im Februar 1984 (vertretungsweise auch schon vorher) Heinz-Johann Nöthen vom Bariton an das Dirigentenpult beordert. Unter seiner Leitung bestritt der Verein einige wichtige Konzerte, von denen der Festkommers in Lommersdorf (1986) den besten Eindruck hinterließ.
60jähriges Jubiläum
Um den Festlichkeiten zum 60jährigen Bestehen des Musikvereins einen würdigen Rahmen zu geben, hatte man sich als Ausrichter für das Kreismusikfest zur Verfügung gestellt. Die Organisation dieses rundum gelungenen Riesenfestes lag v. a. in den Händen von Klaus Wolfgarten und Heinz-Johann Nöthen. Natürlich konnte solch ein Fest mit Festkommers und vielen hervorragenden Gastvereinen nicht unter freiem Himmel auf dem Schulhof stattfinden, deshalb stellte man ein Zelt auf die Wiese oberhalb des Schulhofes.

kurz vor dem 60jährigen Jubiläum 1988
v.l.n.r.: Georg Hompesch, Michael Schenk, Günter Rader, Hans-Willi Zinken, Elisabeth Geusen, Michael Wolfgarten, Hans-Josef Esser, Natalie Hagedorn, Günter Lorre, Martin Weber, Thomas Klose, Elke Kastenholz, Stefan Kastert, Georg Wolfgarten, Bärbel Geusen, Hans-Jürgen Reck, dahinter Wolfgang Eschweiler, Rudi Lorre, Klaus Wolfgarten, Friedel Bleier, Oliver Hagedorn, Franz Geusen, Richard Zinken, Thomas Geusen, Dirigent Heinz-Johann Nöthen
Auf und Ab in den Neunzigern
Das Jahr 1991 bescherte dem Musikverein erst eine neue Uniform, dann jedoch schieden innerhalb kurzer Zeit 5 Musiker (einschließlich Dirigent) aus dem Verein aus – plötzlich sah man sich auf 14 Aktive reduziert. Umbesetzungen konnten aufgrund der knappen Personaldecke kaum vorgenommen werden
Wieder mußte das Amt des Dirigenten neu vergeben werden. Nach einer Übergangszeit, in der Georg Hompesch und Richard Zinken sich gemeinsam um die musikalische Leitung bemühten, gleichzeitig aber auch als Musiker gebraucht wurden, kam Heinz Bär aus Bessenich, der den Verein während einer schwierigen Phase zu leiten hatte und ihm seitdem treu geblieben ist.
Im Jahr 1993 sollte das 65jährige Vereinsjubiläum begangen werden – doch diesmal hatte man des Guten zuviel getan und ein Riesenprogramm (mit zu hohen Unkosten) aufgestellt….und stand nachher mit leeren Händen da, weil die Resonanz wesentlich unter den Erwartungen blieb.
Also wurden wieder alle Aktivitäten zurückgeschraubt und auf ein Minimum beschränkt: zuerst war es nur eine öffentliche „Probe an der ‚Fitschbonnebank'“ (am Kinderspielplatz) mit einigen Fäßchen Bier und Siedewürstchen. Daraus wurde schließlich doch wieder ein kleines Dorffest am Dorfgemeinschaftsraum. Inzwischen arbeiten hierbei die Vereine Hand in Hand – auch, um den Raum, in dem die Musikproben stattfinden, zu finanzieren. Große Gewinne kann man zwar dabei nicht erwarten, aber es drohen auch keine horrenden Verluste – und es dient der Dorfgemeinschaft, die gerne zum Feiern zusammen kommt.
musikalische Neuorientierung
Die ersten Anzeichen eines neuen „Zeitalters“ in der Blasmusik erfuhren die Musiker schon 1968 bei einem Auftritt auf dem Burgfest in Kommern. Dort spielten sie u. a. einen aktuellen Schlager („Puppet on a string“ – Preisschlager beim Festival 1966 in London) – und erhielten rauschenden Beifall, der sogar in der Presse eigens erwähnt wurde. Natürlich bedeutete dieses kleine Erlebnis noch lange nicht die Abkehr von althergebrachtem wie den volkstümlichen Walzern, Märschen, Polkas und Rheinländern oder den anspruchsvollen Ouverturen und Solostücken, doch wandelte sich seitdem das Repertoire des Musikvereins deutlich – gerade die jungen Musiker haben naturgemäß mehr Freude an flotteren Weisen und aktuellen, aus dem Radio bekannten Melodien. Also muß nun ein goldener Mittelweg zwischen beiden Musikrichtungen gefunden werden, damit alle Generationen sowohl bei den Musikern als auch bei den Zuhörern auf ihre Kosten kommen.
Im Musikverein Lessenich ist ein Drittel der Aktiven jünger als 25 Jahre, acht sind über 50 Jahre alt, der Rest liegt zwischen 25 und 50 Jahren. Neben dem Alter und den Interessen der einzelnen Musiker sind natürlich auch deren musikalische Fähigkeiten und die Besetzung bei der Auswahl der Stücke zu berücksichtigen.
Nachwuchsförderung
Schon in den Zeilen, die Otto Lehmacher über die Gründung des Musikvereins verfaßt hatte, ist zu lesen: „Sie (die Musikkapelle) soll vor allen Dingen im Dienste der Jugendpflege stehen im Sinne der Heimattreue und Heimatverbundenheit. Es ist damit auch, soweit als möglich, ein Mittel geschaffen, die Jugend zu beeinflussen, daß sie sich von dem übermäßigen Besuche auswärtiger Vergnügungen fernhält und besonders heimatfroh erhalten bleibt.“ Daher war die Jugendarbeit seit den Anfängen ein erklärtes Ziel der Verantwortlichen im Vorstand und soll an dieser Stelle auch ausdrücklich erwähnt und gewürdigt werden. Natürlich lag den Musikern auch daran, die Spielbarkeit der Gruppe zu erhalten und den Fortbestand zu sichern. Immer schon gab es einzelne junge Leute, die ihr Interesse an der Musik bekundeten und vom Musikverein gefördert wurden, um letztlich in seine Reihen aufgenommen zu werden. Auf diese Weise wurde der Verein nach dem Krieg neu belebt und erweitert. Den erforderlichen Musikunterricht erteilte der Dirigent.
Zu Beginn der 60iger Jahre gab es durch verstärkte Werbung so viele Anfragen, daß man die Musikschüler gruppenweise unterrichten mußte. Die erste „Nachwuchsgruppe“ mit 22 Jungen begann am 20.2.1960 mit dem Unterricht bei Willi Blauen (sonntags nach der Messe). Als er den Verein im August verließ, übernahm Everhard Pohl die Nachwuchsausbildung, die er gemeinsam mit Erich Gatzke auf breiter Basis fortführte.

Musikverein Lessenich mit Nachwuchs-Musikern 1962
1. Reihe v.l.n.r: Heinz Kastert, Friedel Hagedorn, Herbert Meurer, Willi Pauly, Georg Butzke
2. Reihe: Everhard Pohl, Johann Geusen, Dieter Kratz, Lorenz Nolden, Dirigent Erich Gatzke, Johann Kastert, Rudolf Keul, Hubertus Kreuser
3. Reihe: Josef Schmitz, Hubert-Josef Kastert, Heinrich Kastert, Hans-Josef Esser, Michael Ismar, Peter Radermacher, Hans-Willi Zinken, Michael Böhmer
4. Reihe: Jean Blauen, Hans Pohl, Hubert Meurer, Stefan Müller, Matthias Meurer, Bernd Kolei
Die Ausbildung der Jungen – erst 1974 kamen Mädchen hinzu – begann mit theoretischem Unterricht, dann wurde vier Wochen in Gruppen bei E. Pohl zuhause geprobt. Von da an gab es sonntags die gemeinsame Probe (mit Unterstützung von Dieter Kratz und Hans Pohl bei Satzproben). In der Regel dauerte der Unterricht drei Jahre. Die Zusammenstellung neuer Nachwuchsgruppen erfolgte in unregelmäßigen Abständen. Natürlich konnten einzelne jederzeit hinzukommen. In späteren Jahren übernahm auch Erich Gatzke einen Teil des Unterrichts (Theorie, Unterricht für Baß und Posaune).

Die Mitglieder der Nachwuchsgruppe von 1974:
stehend v.l.n.r.: Bärbel Esser, Andrea Lingscheid, Angelika Bramer, Conny Okon, Elke Bergheim, Winfried Gülden, Elisabeth van Bonn, Hans Willi Wiedenau (Wachendorf), Elke Kastenholz, Franz Geusen – kniend: Friedel Bleier, Klaus Weber, Friedbert Wiedenau (Wachendorf)
Es gab in den 60iger und 70iger Jahren kaum einen Jungen in Lessenich, der nicht irgendwann einmal zumindest den Versuch gemacht hatte, ein Instrument zu erlernen. Auch einige Kinder aus den umliegenden Dörfern erhielten in Lessenich ihre musikalische Ausbildung, wanderten dann aber leider alle wieder ab. Pohl war zwar ein strenger Lehrmeister, aber man konnte sicher sein, daß seine Schüler mit ein bißchen Talent und Fleiß zu verläßlichen Musikern heranwuchsen. Viele werden sich an die Marschierübungen auf dem Schulhof, dem Sportplatz oder die „Jaß erop un eraf“ erinnern. Leider waren die vielfältigen Bemühungen letztendlich von wenig Erfolg gekrönt, wenn man als Maßstab setzt, wer dem Verein als Aktiver treu geblieben ist: (in Klammern: jetzt noch oder wieder aktiv): 1960 (0), ’62 (0), ’67 (2), ’71 (2), ’74 (3), ’79 (4), ’85 (2), ’92 (1), ’96 (3), ’99 (2), 2006 (3). Dazu muß man wissen, daß die Gruppenstärke in den 60iger und 70iger Jahren oft bei über 20 lag – heute sind es meist nur 4-5 Kinder, die gemeinsam mit der musikalischen „Lehre“ anfangen.
Auftritte
Die ersten Auftritte beschränkten sich hauptsächlich auf die Gemeinde Lessenich-Rißdorf. So war es ja auch in der „Gründungsschrift“ von Lehrer Lehmacher (erst 1929 geschrieben) niedergelegt: „Die Vereinigung hat den Zweck, durch musikalische Darbietungen – zunächst innerhalb der Gemeinde – die Musik zu pflegen und bei festlichen Gelegenheiten, seien sie kirchlicher oder weltlicher Art, nach Kräften mitzuwirken. Bei kirchlichen Festen und solchen, die von der Gemeinde als solche veranstaltet werden, wirkt die Musikkapelle kostenlos mit“ (so ist es bis heute). 1929 marschierte man im Festzug des Kolpingwerks in Euskirchen mit, man nahm sogar einmal an einer Wallfahrtsprozession nach Witten/Holland teil. Weitere Auftritte vor dem Krieg außerhalb der Gemeinde sind nicht bekannt, aber es hat sie sicher gegeben.
Jedenfalls war es für den Musikverein irgendwann an der Zeit – nicht nur im Interesse der Vereinskasse – an die Öffentlichkeit zu treten und sein Können zu zeigen, auch wenn das nicht in jedermanns Sinne war. Lehrer Ophoves war z. B. ein Gegner dieser neuen „Reisetätigkeit“ der Vereinsmitglieder, v. a. was die Auftritte bei „Tanzvergnügen“ betraf, und gab unter anderem deshalb sogar seine Dirigententätigkeit auf (1948).
Auftritte in anderen Orten waren schon deshalb unabdingbar, weil nur so auch Gastvereine für die eigenen Feste gewonnen werden konnte, denn die meisten Gastauftritte erfolgten „auf Gegenseitigkeit“. So sparte jeder Verein die Unkosten für die musikalische Gestaltung seines Festes, mußte dafür aber einige Sonntage im Jahr opfern für diverse Gegenbesuche.
Im Laufe der Jahre wurden nicht nur die Gruppe der Aktiven und das Repertoire größer, es gab auch immer mehr Anfragen für Auftritte. Deren Anzahl gipfelte im Rekordjahr 1970 bei fast 60 Einsätzen (zum Vergleich: heute sind es höchstens 30 im Jahr) – zusätzlich zu den Proben! Hinzu kamen für die Vorstandsmitglieder noch einige Sitzungen – und für alle die Vorbereitung des Waldfestes.
Teilweise gab es auch mehrere Einsätze an einem Tag, oder es wurde darum gebeten, morgens um 6:00 Uhr den Weckruf zu spielen (so geschehen 1968 beim Schützenfest in Kreuzweingarten, allerdings nur mit 2 Trompeten). Es gab sogar Doppelauftritte: die Musikgruppe wurde aufgeteilt auf zwei zeitgleiche Veranstaltungen wie z. B. 2 Martinszüge oder 2 Fronleichnamsprozessionen (1970).
Zu den immer wiederkehrenden Engagements gehörten schon früh einige Karnevalszüge – in Arloff, Euskirchen, Münstereifel, Mechernich, Roggendorf, Lessenich/Meßdorf, Kirchheim, Holzheim oder daheim – sowie diverse Schützenzüge. Natürlich spielt jeder Musiker nur ungern in der Bewegung, doch aus finanzieller Sicht waren und sind diese Aktivitäten einfach notwendig. Und Karnevalszüge können auch Spaß machen, wenn das Wetter mitspielt und die Stimmung gut ist – bei den ersten Zügen in Kirchheim (1983/84) waren alle restlos begeistert!
1984 als Schlafmützen in Kirchheim
stehend v.l.n.r.: Johann Geusen, Bärbel Geusen, Elke Kastenholz, Elisabeth Geusen, Klaus Wolfgarten, Conny Okon, Heinz-Johann Nöthen, Franz Geusen, Richard Zinken, Georg Hompesch, Günter Lorre, Friedel Bleier, Michael Wolfgarten, Rudi Lorre – kniend: Hans-Josef Esser, Hans-Willi Zinken, Günter Rader, Achim Kastert, Johnny Reck
1984 in Kirchheim – Klaus Wolfgarten wagt ein Tänzchen
Ein Erlebnis der anderen Art war ein Zug in Mechernich (1986), bei dem sämtliche Instrumente eingefroren waren, sodaß der Verein schließlich geschlossen ausscherte und nach Hause fuhr.
Ein großes Problem, an dem der Verein einmal fast auseinandergebrochen wäre, war die Wehr- oder Zivildienstzeit der jungen Aktiven – meist zu einem Zeitpunkt, wo sie gerade zu Leistungsträgern im Verein herangewachsen waren. Oft mußte dann in der Besetzung improvisiert und umgestellt werden, um die größten Lücken zu schließen.
Eine weitere Schwierigkeit besteht schon seit Jahren darin, einen geeigneten Platz im Dorf zu finden, um ein Konzert veranstalten zu können – schließlich soll die Dorfbevölkerung hören, was in den 40-50 Proben im Jahr erarbeitet worden ist. Der einzige größere überdachte Raum ist … die Kirche. So verfiel man im Jahr 1986 auf den Gedanken, ein Adventskonzert zu veranstalten – mit gutem Erfolg. Das Konzert ist schon fast eine Tradition geworden, auch wenn es nicht in jedem Jahr seit 1986 stattgefunden hat. Einziges Problem: man kann die mühevoll einstudierten weihnachtlichen Stücke eben nur zur entsprechenden Jahreszeit spielen und nicht auf dem nächsten Frühschoppen…
Es gab in der Vereinsgeschichte sowohl Sternstunden als auch peinliche Situationen. Folgt man den Zeitungsausschnitten und den Aussagen der Chronisten, so gab es sehr viele Sternstunden wie z. B. beim Burgfest in Kommern (1968) oder viel später beim Festkommers in Lommersdorf (1986), aber auch Abbrüche wie in Friesheim (1981) oder in Antweiler (80er Jahre). In Hostel musizierte man einmal vor 7 Zuhörern – das hatte jedoch organisatorische Gründe (wegen nicht bekanntgemachten Terminverlegungen). Wenn Applaus tatsächlich „das Brot des Künstlers“ wäre, würden die Aktiven sowieso längst alle am Hungertuch nagen, denn wie oft spielte man sich „die Seele aus dem Hals“ – und wer applaudierte: die glücklicherweise mitgereisten Lessenicher „Fans“. Mag man zur Blasmusik stehen, wie man will – das Können der Musiker sollte honoriert werden, egal ob sie den „Böhmerwald-Walzer“ oder Beethovens 9. Sinfonie vortragen – Hauptsache ist, daß jeder versucht, seine Stimme sauber und mit Gefühl zu spielen.
Ein Einsatz ist als Gegenbeispiel in bester Erinnerung geblieben: auf dem Musikfest in Pesch (1986) mußten diverse Zugaben gegeben werden, wobei ein Stück (die Polka „Vergangene Zeiten“) sogar dreimal gespielt wurde. Obwohl der Saal dort nur halb voll war, hätte die Stimmung nicht besser sein können, und die Musiker hatten die volle Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer.
Karneval
Neben nicht-musikalichen Einrichtungen wie der zeitweilig zur Tradition gewordenen Martinsverlosung und dem Theaterspiel gab es im Jahresverlauf noch weitere kulturelle Angebote an die Dorfbevölkerung: beispielsweise einen Tanzabend vor dem 1. Mai sowie Gemeinschaftsabende am 2. Weihnachtsfeiertag, die in Zusammenarbeit mit Sportclub, Schule, Mandolinenclub, Kirchenchor und Feuerwehr gestaltet wurden.
Im Jahr 1965 entwickelte sich eine Vereinsgemeinschaft aus Feuerwehr, Sportverein und Musikverein, die den Zweck verfolgte, eine eigene Karnevalssitzung und einen Umzug ins Leben zu rufen. So kamen also auch erstmals karnevalistische Talente der Vereinsmitglieder zum Vorschein. Erster Prinz von Lessenich war 1966 Wilhelm I. (Bergheim), als Sitzungspräsident agierte Heinrich Kastert, die musikalischen Beiträge wurden natürlich vom Musikverein geleistet. Die Zeitungsartikel beweisen, daß auch diese Veranstaltungen in Lessenich, die nur mit einheimischen Akteuren ausgerichtet wurden, erfolgreich waren, obwohl es auch Uneinigkeit und Zwietracht im Dorf gab. Zitat:“ An diesem Lessenich ist alles dran: Streit bis aufs Messer auf der einen und dann solch einmalige Leistungen auf der anderen Seite.“
Im Laufe der Jahre wurden in den Karnevalssitzungen auch Liedchen in Lessenicher Platt präsentiert, die Erich Gatzke vertont hatte, und die auch heute noch bei jedem Dorffest in Lessenich erklingen. So schrieb er schon ca. 1963 das Lied von der „Kühlbaach“, 1968 kam „Häss de de Möpp“ hinzu. Das dritte Lied – vom „Leissenijer Buer“ – arrangierte er zur Kirmes 1971 für den Musikverein im Andenken an zwei Lessenicher Originale (Thomas Nolden und Michael Maus, beide im Krieg gefallen), von denen Melodie und Text stammten.
Im Anschluß an die Karnevalssitzungen spielte meist eine „kleine Besetzung“, bestehend aus Mitgliedern des Musikvereins, zum Tanz auf. Auch Preismaskenbälle, Karnevalsumzüge und Kindersitzungen wurden veranstaltet. Letztere haben am längsten überdauert – sie wurden noch bis in die 70iger Jahre fortgesetzt (unter Mitwirkung der jeweiligen Nachwuchsgruppe) – doch die Karnevalssitzungen fanden leider nur viermal statt, danach mangelte es v. a. an Akteuren, um ein attraktives Programm zusammenzustellen.

Karneval 1930 in Lessenich
hinten v.l.n.r.: Karl Wiesen, Josef Nolden, Konrad Kastert, Hermann van Laak, Hubert Esser – Mitte: Hubert Simmler, Johann Ley, Josef van Laak, Werner Kolvenbach, Franz Vlatten – vorne: Josef Ley, Bertram Kastert, Peter Gülden
Bei einer Vereinstour an die Ahr kam unter den Frauen der Aktiven die Idee auf, in Lessenich wieder „Fasteloovend“ zu feiern. Also wurde 1999 aus den Reihen des Musikvereins heraus ein Neuanfang gewagt, mit einer Mischung aus Sitzung und Tanzveranstaltung im Landhaus Pauly und dem Karnevalszug an Weiberfastnacht – und es wurde wieder ein großer Erfolg, der in den darauffolgenden Jahren wiederholt werden konnte. Leider mußte ebenfalls – wie schon 1970 – die geplante 5. Sitzung (im Jubiläumsjahr 2003) ausfallen….doch sollte das diesmal nicht das Ende des Lessenicher Karnevals sein! Inzwischen hat der Karnevalsverein „Kühlbachjecke“ die Federführung bei Sitzung und „Zoch“ übernommen – es war zuletzt eine zu große zusätzliche Belastung für den Musikverein geworden, der seine eigentliche Bestimmung – das Musizieren – nicht aus den Augen verlieren wollte.
Vereinsfahrten
Nichts schweißt eine Gruppe mehr zusammen, als gemeinsame Erlebnisse, von denen man noch Jahre später zehrt. Zu diesen gehörten in der Geschichte des Musikvereins u. a. bisher acht mehrtägige Vereinstouren, an denen auch Angehörige und Freunde teilnahmen.
Die 1. Fahrt, von langer Hand vorbereitet, ging nach Wörgl in Österreich (15.-23.7.1972). Man hatte die Instrumente dabei und nutzte die Gelegenheit zu einem kleinen Konzert beim Musikverein Erlach, der später einen Gegenbesuch machte (8./9.9.1973). Hierbei wurden die Gäste in Familien im Dorf aufgenommen, und man bestritt ein gemeinsames Platzkonzert an der Kirche.
Weitere Fahrten führten die Musiker mit ihren Partner/innen und Freunden nach Paris (1975), zum Bodensee (1981), nach Hammer (1984) und Inzell (1986), beide in Oberbayern gelegen, nach Neumünster in Schleswig-Holstein (1989), Rothenburg ob der Tauber (1997) und Würzburg (2005) – letzteres war ein Versuch, die Partnerschaft mit dem MV Erlach wieder aufleben zu lassen, daher nahm man die Instrumente mit und musizierte 2 Stunden bei einem Feuerwehrfest nahe bei Erlach.

Vereinstour nach Inzell (13.-17.6.1986)
stehend v.l.n.r.: Hans-Willi Zinken, Johann Kastert, Franz Kastenholz, Anna Vlatten, Margarete Barth, Kati Zinken, Karl-Heinz Kolei, Agnes Kastenholz, Aloisia Wolfgarten, Johann + Ruth Geusen, dahinter Wolfgang Eschweiler, Maria Esser, dahinter Franz Geusen, Klaus Wolfgarten, Rudi Lorre, Richard Zinken, Andreas Kruppa, Georg Wolfgarten, Josef Wolfgarten, Elisabeth Geusen, Martin Geusen, Hedwig Simons, Margret Klose – kniend: Heinz-Johann + Klara Nöthen, Gretchen + Hans-Josef Esser, Johnny Reck, Günter Lorre
Nicht immer verliefen die Touren ganz ohne Probleme: mal hatte der Bus zu wenig Plätze, mal waren die Unterkünfte schlecht, mal mußte kurz vor der Fahrt noch ein neues Quartier gefunden werden – immer war jedoch die Stimmung sehr gut und besondere Begebenheiten werden heute noch gelegentlich aufgefrischt.
Weitere Vereinsausflüge sind die Wandertage in die nähere Umgebung (seit 1983), vereinzelte Tagesfahrten wie z. B zur Mosel (1999) und sporadische Touren durch die Kölner Altstadt.
Splitter
-
Die Kasse enthielt Ende 1949 sage und schreibe 26,50 DM.
-
1953 wurde ein B-Baß mit einem Darlehen der Gemeinde gekauft.
-
Dem Dirigenten zum Namenstag ein Ständchen zu bringen, war Tradition.
-
Trude Kolei war 1959 das erste weibliche inaktive Mitglied.
-
Ein Verkehrsunfall ereignete sich 1963 bei einem Festzug in Floisdorf. ein Mopedfahrer rutschte in die schon in Marschformation stehenden Reihen der Aktiven, verletzte Bert Kastert und Johann Geusen und beschädigte ein Auto sowie Kleider und Instrumente verschiedener Musiker.
-
Der Antrieb für das Kettenkarussell stammte aus einer Waschmaschine.
-
Die Lose für Waldfest und Martinsverlosung wurden jahrelang von E. Pohl selbst angefertigt.
-
Kirmesmontag nach dem Frühschoppen feierte der MV früher immer eine „eigene“ Kirmes – z.B. zog man mit einem Traktor durchs Dorf oder in den Wald.
-
1967 erschienen zum „Kirmes-Rausholen“ 20 Musiker und nur 3 Junggesellen!
-
Beim Waldfest 1968 wurde eine Liste der Paare angelegt, die sich auf einem der Waldfeste kennengelernt hatten. Der Musikverein versprach damals, bei jedem Paar auf der Hochzeit und später auf der Silberhochzeit ein Ständchen zu spielen, sofern das gewünscht sei. Die erste Braut, die dieses Angebot wahrnahm, war die Tochter des Dirigenten!
-
1969 gab es beim Martinszug keinen St. Martin, da sich nach der kommunalen Neugliederung und der Auflösung der Schule niemand mehr für die Organisation verantwortlich fühlte.
-
Viele Noten des Musikvereins sind handgeschrieben – eine Fleißarbeit von E. Pohl (entweder fielen die alten Noten schon auseinander oder es wurden mehr Noten für die wachsende Besetzung benötigt – oder es waren Eigenkompositionen von E. Gatzke)
-
Für das Waldfest 1970 wurde ein 3 Zentner schweres Schwein geschlachtet und die Wurst verkauft.
-
Der Lloyd wurde dem Verein von Erwin Kratz geschenkt – er fuhr ihn auch bei den Festen über den Rundparcours.
-
Der Musikverein wirkte 1971 mit beim ersten Altentag in Lessenich.
-
Am 24.10.1976 wurde der Waldfriedhof eingeweiht und Kirmes 1977 das neugestaltete Ehrenmal.
-
Der gesamte Musikverein besuchte Andrea Lingscheid (ehem. Klarinettistin) am Tag ihrer Einkleidungsfeier bei den Schönstätter Marienschwestern (29.8.1982)
-
Einmalig in der Vereinsgeschichte – die Hochzeit von zwei Aktiven: Thomas + Bärbel Geusen (18.6.1983), zu deren Silberhochzeit die Musiker selbstverständlich ebenfalls ein Ständchen brachten.
-
Ein seltenes Fest: der 65. Hochzeitstag des Ehepaars Bergheim (18.11.1986).
-
Ein besonderer und überraschender Auftritt: die spontan organisierte Begrüßung des Musikvereins Pitscheid nach seiner USA-Reise in der Heimat mit Musik (1988).
-
Das Weihnachtskonzert 1988 zugunsten von Erdbebenopfern in Armenien erspielte einen Erlös von 1700, – DM!
-
30 Jahre Siedlung „Am Eichenbusch“ feierte das ganze Dorf am 20.8.1989.
-
Etwa 2 Jahre lang (1992-94) mußte die Bläsergruppe ohne eigenen Schlagzeuger auskommen. Bei Festmärschen und Ständchen sprangen Johann Geusen und Bruno Wiesen an der „decken Tromm“ immer wieder ein, für Frühschoppen und Konzerte mußte jedesmal ein „Drummer“ geliehen werden – oft war Michael König aus Iversheim so freundlich, auszuhelfen.
-
1992 war das Jahr der Hochzeiten im Musikverein: es heirateten gleich vier Aktive, davon drei an drei aufeinanderfolgenden Septemberwochenenden – selbstverständlich begleitet von einem Ständchen ihrer Musikfreunde.
-
Ein seltenes Jubiläum konnte 1996 Everhard Pohl feiern: er blickte zurück auf 60 Jahre Vereinstätigkeit! Anfangs spielte er Klarinette, dann Flügelhorn, zuletzt Tuba, war der erste Vereinsvorsitzende nach dem Krieg, lange Jahre Geschäftsführer, Chronist (1959/60 und 1964-1981), Organisator und stellvertretender Dirigent, schließlich Ehrenvorsitzender. Er lebte für den Musikverein, denn er hatte bei seiner Arbeit stets zwei Dinge vor Augen: sein bei einem Besuch am Grab des Gründers Otto Lehmacher abgegebenes Versprechen, alles für den Erhalt des Musikvereins zu tun, und den Ausspruch eines Lessenicher Pastors: „Laßt mir diesen Verein nicht untergehen!“
-
Seit 1994 spielte der Musikverein einige Jahre „unter geistlichem Beistand“: der musikbegeisterte Pastor Albert Janssen besetzte die vakante Stelle des 1. Es-Horns, soweit es seine Pfarreien zeitlich zuließen. Ein Schreck fuhr den Bläsern durch die Glieder, als sie von seinem schweren Unfall nach dem Martinszug 1997 erfuhren. Auf dem Rückweg nach Rißdorf zu seinem Auto war er im Dunkeln von einem Auto erfaßt worden und erlitt schlimme Kopfverletzungen, die ihn monatelang außer Gefecht setzten.
Schlußwort
Die Worte und Taten Otto Lehmachers und Everhard Pohls, die wohl den größten Anteil am Werden und Wachsen des Musikvereins Lessenich haben, sollten uns den Weg weisen: unsere Ziele bleiben auch weiterhin die Pflege der dörflichen Kultur und vor allem die Förderung der Jugend. Dazu tragen alle 30 aktiven Musiker mit ihrem Einsatz am Instrument bei, unterstützt von den 61 inaktiven und fördernden Mitgliedern.
Impressum:
Herausgeber: Musikverein 1928 Lessenich, Mai 2003, ergänzt 2011
Redaktion: Elisabeth Geusen, Heinz-Johann Nöthen, Bruno Wiesen
Dirigenten:
Otto Lehmacher + |
1928-37 |
Hans Weber (aus Euskirchen) + |
1937-39 |
Heinz Schirmer + |
1946 |
Johannes Ophoves + |
1946-48 |
Willi Blauen + |
1948-60 |
Erich Gatzke + |
1960-81 |
Hans Pohl |
Mai-Sept. 1981 |
Georg Hompesch |
1981-84 |
Heinz-Johann Nöthen |
1984-91 |
Heinz Bär (aus Bessenich) + |
1991-2008 |
Jürgen Schuster (aus Antweiler) |
2009-2011 |
Erhard Knies (aus Köln) + |
2012-2013 |
Jakob Gaede (aus Köln)Michael Bartsch (aus Glehn) |
2013-20172017-2019 |
1988 fünf Dirigenten – Nöthen, Blauen, Schirmer, Gatzke, Hompesch
Vorsitzende des Musikvereins (ab 1947):
Everhard |
Pohl + |
1947-1957 |
Heinz |
Keul + |
1957-1960 |
Lorenz |
Nolden + |
1960-1965 |
Dieter |
Kratz |
1965-1967 |
Josef |
Schmitz + |
1967-1968 |
Heinrich |
Kastert + |
1968-1973 |
Fritz |
Ganz |
1973-1975 |
Heinz |
Krüger + |
1975-1977 |
Heinz-Johann |
Nöthen |
1977-1981 |
Josef |
Wolfgarten + |
1981-1994 |
Thomas |
Geusen |
1994-1997 |
Frank |
Hoffmann + |
1997-2003 |
Bruno |
Wiesen + |
2003-2010 |
Michael |
Wolfgarten |
2011-2012 |







